Rosinentour

„Radreisen ist ein Rosinenbrot, und ich esse nur die Rosinen.“, erklärt mir ein slowakischer Reiseradler seine Philisophie. Er reist in eine bestimmte Region in der Welt und radelt dann dort herum. Kontinentüberspannende Routen ziehen, ist seine Sache nicht. „Ich möchte das ganze Brot essen inklusive aller Rosinen.“, erläutere ich mein Ideal. Auf meinen Radreisen habe ich immer versucht, jeden Überlandkilometer lückenlos aus eigener Kraft zurückzulegen. Abstriche habe ich bisher nur gezwungener Maßen gemacht bei bürokratischen Hindernissen, durchgesetzt durch Polizei und Militär. Nun erreiche ich wieder eine bürokratische Hürde.

Die nächsten Ziele lauten Usbekistan, Turkmenistan, Iran. Das Prozedere wäre folgendes. Iran-Visum: ein zweistufiger Prozess, viel Papierkram mit Angabe einer Reiseroute, Bearbeitungsdauer um 1,5 Wochen. Und nicht angeben, daß man individuell mit dem Fahrrad einreist. Usbekistan-Visum: Dauer 1 Woche, 1,5 Wochen, 2 Wochen – mal so mal so. Das Visum ist Datumsgebunden, weshalb ich es nicht schon früher woanders organisiert habe. Und das ist noch lange nicht der ganze Stress, den man beim Bereisen Usbekistans hat. Nach dem Aufwärmen und nur, wenn man die vorgenannten Visa hat, das Visum für Turkmenistan oder „das Nordkorea Zentralasien“. Bearbeitungsdauer 1 Woche, 2 Wochen? Wenn man die Sache beschleunigen möchte, also „nur“ eine Woche Wartezeit, kann man zu den 70,-US$ Visa-Gebühren vorab ein Einladungsschreiben für 80,-US$ organisieren. Wenn man Glück hat, bekommt man ein datumsgebundenes 5-Tage-Transitvisum. Dann könnte man für zum Beispiel 30,-US$ pro Tag in diesen fünf Tagen etwa 500 Kilometer durch die monotone, turkmenische Wüste fahren – nebenbei bei Temperaturen über 40°C. Derzeit ist die Ablehnquote extrem hoch. Unter den vielen Radfahrern, die ich getroffen habe, hat fast niemand Turkmenistan bereisen können. Reine Lotterie.
Das wahrscheinlichste Szenario sieht so aus: Ich investiere reichlich Geld und Zeit, was nicht geht, weil meine Aufenthaltserlaubnis für Tadschikistan ausläuft. Am Ende bekomme ich kein Turkmenistan-Visum und alles war umsonst. Genau so ergeht es Steff und Nick aus Irland, mit denen ich in Kirgistan und Tadschikistan etliche Zeit unterwegs war.

Da ich einen gesetzten Termin habe, an dem ich wieder zuhause sein muß und Alternativrouten nicht gangbar sind, entscheide ich mich für einen Flug von Duschanbe/Tadschikistan nach Teheran/Iran. Leider ein erneuter Flug auf dieser Reise – fliegen mit dem Rad ist sehr stressig und kein Radreisestil – aber wenigstens verleibe ich mir einige, feine Rosinen ein – Myanmar, Pamir, nun Iran -, auf die ich schon lange scharf war.

Rosinentour

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