Kambodscha – arm aber liebenswert

„Cambodia is more … basic. It’s rough. (Kambodscha ist eher … einfach. Es ist rau.“, kommen mir die Worte eines dänischen Motorradreisenden immer wieder in den Sinn, der uns in Thailand aus Richtung Kambodscha entgegenkam. Wir sind gespannt, was uns genau erwartet. Wir sind uns bewußt, daß wir Komfortabstriche gegenüber Thailand machen müssen, aber nach drei Monaten im gleichen Land überwiegt die Vorfreude auf Neues.

An der Grenze vermülltes Durcheinander. Menschen zerren Holzkarren mit großen Plastiksäcken durch einen Kontrollpunkt, an dem wir nach unseren einzelnen Stationen – Ausreise, Visum, Einreise – Ausschau halten müssen. Auch ein Wechsel der Fahrseite ist nirgends erkennbar. Nach sechs Monaten Linksverkehr verlassen wir die Unstruktur des Grenzübergangs auf der rechten Fahrbahnseite so schnell wie möglich.

Es bietet sich uns das Bild eines Entwicklungslandes. Ein krasser Unterschied zu Thailand. Menschen leben unter ärmlichsten Bedingungen, arbeiten mit einfachsten Gerätschaften und Fahrzeugen, es mangelt an Infrastruktur. Alles ist „more basic“. Für unseren Radfahralltag bedeutet das: Es gibt außerhalb der wenigen touristischen Zentren nur bescheidenste Unterkünfte, keine Supermärkte, selbst wichtige Verbindungsstraßen sind nicht durchgängig asphaltiert, und Restaurants überschreiten die Grenze dessen, was wir uns auf Dauer mit Kind zumuten wollen. In der Regel sieht ein Restaurant so aus: Vor dem Lokal an der Straße stehen circa ein dutzend Blechtöpfe. Darin sind Speisen – mehrheitlich irgendwelche toten Tiere, dunkle Eier, Gemüse – von denen für unseren Geschmack eine unappetitlicher aussieht, als die andere. Für uns bleibt dann meist eine Brühe mit Kohl zum Reis. Problematisch sind, immer vor dem Hintergrund einer Reise mit Kind, die hygienischen Bedingungen. Meist ist es schmutzig. Selbst die Einheimischen putzen Stühle und Besteck vor der Benutzung. Die Küchen sind durch das Kochen auf offenem Feuer schwarze Höhlen, manchmal ohne festen Boden. Würde man das ladende Handy aus der Steckdose ziehen und einige Kunststoffutensilien entfernen, wähnte man sich teilweise im Mittelalter.

Zeichen des Mangels, wie für mich die größte Attraktion unserer Fahrt durch Kambodscha gleichermaßen, sind die kuriosen Fahrzeuge, denen wir täglich auf der Straße begegnen – unsere kambodschanische Roadshow. Fahrzeuge, die nicht mehr sind, als ein Gestell mit Rädern und Motor, Ochsenkarren, Kutschen, die von Mopeds gezogen als Taxis im Einsatz sind. Fahrzeuge verschwinden unter Zuladung mit mehrfachem Volumen des Transportfahrzeugs, ganz oben drauf sitzen Leute. Auf Mopeds bergeweise lebende Hühner oder mehrere, lebende, eingerollte Schweine. Mopeds fahren mit offenem Feuer einer Straßenküche im Beiwagen durch die Stadt. Bis zu vier Personen auf einem Fahrrad, bis zu sechs Personen auf einem Moped. Erstaunlich, wofür Mopeds alles als Unterbau und Zugmaschine dienen können. Die motorisierten Zweiräder wiederum werden zum Transport beim Kleinbus auf die Karosserie gebunden oder beim PKW zum größten Teil herausragend in den Kofferraum gesteckt.

Mehrfach treffen wir auf ein weiteres Kuriosum, dem wir auf unserer Tour in einigen Ländern begegnet sind. Irgendwo in einer ländlichen Region wird an Straßenständen ein bestimmtes Produkt, meist Kulinarisches, angeboten – frittierte Heuschrecken, Reisflocken oder Klebreis im Baumbusrohr zum Beispiel. Und dann gibt es 50 identische Stände entlang einer Strecke von 1,5 Kilometern. Allein die Menge der fertig zubereiteten Esswaren scheint die Verzehrkapazitäten der Vorbeifahrenden bei weitem zu übersteigen. Manchmal probieren wir, kommen auf den Geschmack, aber nach diesen 50 Ständen ward im ganzen Land kein einziger mehr gesehen.

Es gibt aber auch eine „echte“ Sehenswürdigkeit, so ein Da-muß-man-unbedingt-gewesen-sein-Ding – Angkor, der weltweit größte Tempelkomplex. Nachdem 600 Jahren Zerfall und Plünderungen mehr oder weniger Ruinen übrig gelassen haben, beeindruckt die Anlage uns eher durch das, was sie einmal war, vor Jahrhunderten Zentrum einer Metropole auf einer Fläche von etwa 1000km² (Berlin ca. 900km²), errichtet ohne moderne Bautechnik.
Für Kambodscha hat Angkor Wat eine herausragende Bedeutung, nicht nur als überall anzutreffendes, nationales Symbol. Es ist für viele der als Einnahmequelle so wichtigen Touristen der einzige Grund, nach Kambodscha zu kommen.

Pluspunkte sammeln bei uns die Menschen des Landes. Entlang der Strecke stets „Hello“- und ebenfalls als Gruß gemeinte „Bye bye“-Rufe. Die Leute sind freundlich, lachen herzlich und vor allem die Kinder sind aus dem Häuschen, freuen sich sprichwörtlich wie Kinder. Eine Freude, die wir als ehrlich empfinden. „Kambodscha – arm aber liebenswert“, fasst Denise ihre Eindrücke zusammen.

Entgegen unserer ursprünglichen Planung fahren wir nicht nach Norden nach Laos, sondern biegen ab Richtung Süden in die Hauptstadt Phnom Penh. Wir wollen uns um ein China-Visum kümmern, notwendig für unsere Fahrt zum Ziel Hongkong. Vergebens. Seit ganz aktueller Neuregelung soll es bei individueller Einreise mit eigenem Fahrzeug ein Visum nur noch nach offizieller Einladung aus China geben. Inzwischen würde uns jemand einladen, aber wir scheuen den Aufwand und haben vor allem keine Lust alles in allem etwa zwei Wochen in Phnom Penh auszuharren. Wir werden es einfach woanders probieren, denn keinesfalls gelten an allen Konsulaten die gleichen Regeln.

Am Tag unserer Abfahrt aus der kambodschanischen Hauptstadt entscheiden wir, wiederum noch nicht nach Laos zu fahren, sondern nach Vietnam. Seit neuestem können wir das Land 15 Tage ohne Visum besuchen, und dort, in Ho-Chi-Minh-Stadt, gibt es ebenfalls ein chinesisches Konsulat.
Erfreulicher Weise reisen wir ohne Schwierigkeiten nach Vietnam ein. Man ist stets den Entscheidungen des Stempelnden ausgeliefert, und man kann nicht selbstverständlich davon ausgehen, daß Neuregelungen, wie die Möglichkeit der visafreien Einreise, bekannt sind und umgesetzt werden.

 

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