Der Pamir Highway – Teil 3 – Von Khorog nach Dushanbe

Zunächst fahre ich weiterhin entlang der Grenze zu Afghanistan, abschnittsweise durch ein enges Tal – rechts von mir eine senkrechte Felswand, links der Grenzfluß Pandsch, eine schmale, afghanische Piste, die ebenfalls an einer senkrechten Felswand klebt.
545 Kilometer habe ich stets Afghanistan zu meiner linken. Einige Dörfer befinden sich auf der anderen Flußseite direkt am Ufer. Schöne Dörfer – einheitlich aussehende Lehmbauten umrahmt von Bäumen und saftig grünen Feldern. Ich kann den Kindern beim Spielen auf dem Schulhof zusehen – Jungen und Mädchen sind gemischt, alle Mädchen mit Kopftuch bekleidet. Aufgrund des reißenden, lauten Flusses geht eine Kommunikation aber nicht über das Winken hinaus. Zu anderen Jahreszeiten soll der Fluß stellenweise leicht durchquerbar sein. Die Pamiri auf meiner Seite des Flusses, die großen Wert darauf legen, daß sie keine Tadschiken sind, nehmen die Grenze jedoch sehr ernst. Kein Pamiri, den ich danach frage, war je auf der anderen Seite. Anders als am gegenüberliegenden Ufer bewegen sich in Tadschikistan Patrouillen entlang der Grenze. Ein Militärtrupp passiert gerade als ich wenige Meter neben der Piste am Fluss stehe. Hier darf ich nicht sein, erklärt mir der Chef und deutet auf das Geröll zu unseren Füßen. Dort darf ich sein, und er zeigt auf die „Straße“. Leider ist mein Russisch nicht gut genug, um zu erklären, daß für mich der Unterschied so schlecht zu erkennen ist.

Dennoch helfen meine bescheidenen Schulrussisch-Überreste sehr. Zwar pflegt man in jedem Tal eine eigene lokale Sprache, und manche Kinder lernen erst in der Schule Tadschikisch. Aber auch nach dem Zerfall der Sowjetunion sprechen viele Menschen Russisch als gemeinsame Sprache der hier lebenden Pamiri, Tadschiken, Kirgisen und anderen. Und mir zu Erleichterung fragt man – es sind ohnehin immer die gleichen Fragen – nicht wortreicher als zwingend notwendig. „Otkuda?“, „Kuda?“, „Po russki snajesch?“, „Chay budesh?“, „Schena yest?“ – „Woher?“, „Wohin?“, „Russisch kannst Du?“, „Tee wirst du?“ („Trinkst Du Tee?“), „Frau ist?“ („Hast Du eine Frau?“).

Die neue, gute Straße oder weiter auf dem alten, nicht mehr gewarteten, nicht durchgängig befestigten Pamir Highway über den Khaburabot Pass – 45 Kilometer und 2000 Höhenmeter bergauf? Ich entscheide mich für den mutmaßlich anstrengenderen, aber landschaftlich schöneren und praktisch verkehrsfreien Weg.

Mein großes Problem ist fahrradtechnischer Art. Mein Hinterreifen hat zwei Risse, der eine zehn Zentimeter lang, der andere unwesentlich kleiner. Ich reduziere den Luftdruck auf ein Minimum und fahre mit wabbelndem Reifen mit äußerster Vorsicht vor allem auf den steinigen Pistenabschnitten. Trotzdem muß ich bis zu drei Mal am Tag das Gepäck vom Rad laden, das Hinterrad ausbauen und den Schlauch flicken. Das Drama, das mich die nächsten Tage beschäftigt, beginnt am Anfang der Steigung zum Khaburabot Paß. Zwischendrin wird es Nacht, und so erreiche ich erst ca. 24 Stunden nach dem Start das Ende der Auffahrt. Dennoch, wann immer mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten wird, lehne ich ab. Noch kann ich mich aus eigener Kraft bewegen, auch wenn ich das Gefühl habe, dem Ziel nicht näher zu kommen. Zurück auf Asphalt fahre ich einen Umweg zu einer Ortschaft, um dort möglicherweise einen neuen Reifen zu erwerben. Fehlanzeige. Ich probiere verschiedene Methoden, die Risse provisorisch zu reparieren. Am vorletzten Tag die rettende Idee. Ich habe einen zweiten, ebenfalls nicht einsatzfähigen Reifen. Ich stecke die Reifen ineinander und montiere beide auf einer Felge so, daß die Löcher des einen Reifens vom anderen abgedeckt werden.

Eines Abends werde ich von Polizisten in ein Rasthaus unterster Kategorie eingeladen. Sie organisieren, daß ich kostenlos dort übernachten kann, wir essen zusammen, und wir leeren zusammen eine Flasche Wodka. Noch nie hatte ich Wodka getrunken, konnte mich bisheriger Einladungen zum Saufen erwehren. Die Menschen hier sind Muslime. Erstaunlicher Weise wird dennoch Alkohol getrunken, verkauft und selbst gebraut und auch der Fastenmonat Ramadan geht unbemerkt vorbei. Nach dem Wodka fahren wir – wohl gemerkt, es handelt sich um Polizisten – per Auto in die Berge. Wir fahren, nein wir rasen auf einer Piste, kaum breiter als der PKW. Links eine steile Bergflanke, maximal einen Meter rechts von mir geht es fast senkrecht hinab in eine Schlucht. Es ist bereits dunkel, und zusätzlich verschwinden wir in der Staubwolke des vor uns fahrenden Autos. Null Sicht voraus. Man erkennt allein ein Paar bescheidene Rücklichter. Besser zu sehen ist der Abgrund neben mir. Der Fahrer unterhält sich mit dem Beifahrer und telefoniert einhändig steuernd. Haarsträubend. Ich überlege, ob ich als einziger einen Gurt anlegen möchte, damit ich weniger hin und her fliege und hebe mir die Bewunderung der Multitasking-Fähigkeiten des Fahrers für später auf.
Am Ziel angekommen, verbringe ich den Abend inmitten etwa zwei Dutzend bärtiger, alter Männer bei einem feinen, großen Abendessen. Die Rückfahrt verläuft zum Glück etwas ruhiger.

Dushanbe – Hauptstadt Tadschikistans, Ende des Pamir Highways, Endziel in Zentralasien. War doch alles halb so schlimm. Vor Jahren galt der Pamir Highway als gefährlich, Informationen zur Radbefahrung gab es wenige. Nun ist er eine vor allem unter Rad- und Motorradreisenden namenhafte Strecke. In 23 Fahrtagen auf dem Pamir Highway habe ich sage und schreibe 85 Reiseradler getroffen, mehr, als irgendwo sonst auf der Welt. Einige befahren „nur“ den Pamir, für andere ist es eine der wenigen Verbindungsstrecken zwischen Europa und Ostasien, ein Nadelöhr, für dessen Durchquerung es ein bestimmtes Zeitfenster im Sommer gibt. Die Strecke gilt als Herausforderung. Eine Frage des Standpunkts. Ja, es ist anstrengend und einige Schwierigkeiten addieren sich, so daß man einen gewissen Durchhaltewillen für die fast 1500 Kilometer lange Strecke benötigt, aber mir erleichtert der Rückblick auf so vieles, was ich mit dem Reiserad schon absolviert habe das Vorankommen. Ich hatte viel schwierigere Pisten, längere Pisten, deutlich schwereres Streckenprofil, größere Höhen, schlechtere Versorgungslage, schlechteres Wetter. So verlasse ich Tadschikistan mit positiven Erinnerung an ein herausragendes Radreiseerlebnis.

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Der Pamir Highway – Teil 3 – Von Khorog nach Dushanbe

2 Kommentare zu “Der Pamir Highway – Teil 3 – Von Khorog nach Dushanbe

  1. Stefan schreibt:

    Klasse! Tom und Teufel Alkohol.Bei der Trinkfreudigkeit der Gastgeber musstest Du wohl nicht sehr viel konsumieren?! Und schön , wenn man eigentlich kaputte Dinge nicht gleich wegwirft…..
    VG Tina & Stefan

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