Der Pamir Highway – Teil 2 – Von Alichur durchs Wakhan Tal nach Khorog

Für 335 Kilometer verlasse ich den Pamir Highway und fahre durch’s Wakhan Tal, eine geografisch sehr interessante Strecke. Die Straße führt unmittelbar am Fluß Pandsch entlang. Auf der anderen Flußseite, oft nur einen Steinwurf entfernt – ich habe es ausprobiert -, befindet sich Afghanistan. Rechts ragt der Pamir auf mit mehr als 6000 Meter Hohen Gipfeln wie dem Pik Karla Marksa und dem Pik Engels, links der Hindukusch mit 7000ern.

Das Wakhan-Abenteuer beginnt 100 Kilometer vor dem Tal. Der Asphalt endet, und es gilt zunächst, den letzten 4000er Pass auf meinem Weg durch den Pamir zu überqueren, den 4344 Meter hohen Kargush Pass. Erstmals seit vier Wochen, die ich nun in Zentralasien bin, gibt es Niederschlag – im wahrsten Sinne des Wortes. Es hagelt dicke Eiskörner, die mir der kräftige Wind schmerzhaft ins Gesicht schlägt. Es ist so kalt, daß ich Handschuhe anziehen möchte. Habe ich aber nicht. Also stülpe ich Socken über die Hände.
Mehrheitlich führt der 335-Kilometer-Bogen durch’s Wakhan über eine unbefestigte Straße – bucklig, etwas weicher Sand, vor allem aber faustgroße Steine, Steine und Steine. Für die ersten 100 Kilometer, auf denen es keine Ortschaft entlang der Strecke gibt, benötige ich 2 volle Tage, obwohl es nach der Überwindung des Kargush Passes 1500 Höhenmeter bergab geht. An zwei Stellen treffe ich auf zumindest temporär dort wohnende Menschen – ein Militärposten und Viehhirten -, bei denen ich jeweils zum Essen eingeladen bin. Bei den Viehhirten verbringe ich eine Nacht in einer stallartigen Ruine, die die Familie in den Sommermonaten als ihr Heim bezeichnet. Ansonsten treffe ich gelegentlich Touristen – andere Radfahrer, Motorradfahren, Reisende in Allradfahrzeugen.
Ich komme mit einem älteren deutschen Ehepaar in Gespräch, das für Notfälle seit einer Woche ein deutsches Bäcker-Schwarzbrot und eine Packung geräucherte Würstchen mitführt. In Ermangelung einer Notsituation schenken sie mir beides. 1,3 Kilogramm glücklicher holpere ich weiter Richtung Tal. Noch vier Tage schleppe ich das Brot über Pisten, ehe ich in einem größeren Ort Butter erwerbe und das erste „richtige“ Brot seit 427 Tagen genieße.

Endlich im Tal angekommen, wobei das Elend der Pistenfahrerei noch lange nicht ausgestanden ist, gibt es wieder Ortschaften, die mit Feldern und Bäumen grüne Oasen in der kargen Gerölllandschaft bilden. Immer wieder gibt es nun Einladungen zum Tee. „Chay budesh?“, wörtlich „Tee wirst du?“. Eine Einladung zum Tee, in der Regel durch Männer ausgesprochen, heißt oft: Erstmal zum Haus des Gastgebers, das nicht immer gleich um die Ecke ist. Ich werde auf Teppichen auf der Erde oder auf einem Podest platziert, ein Art Tischdecke aus Kunststoff wird ausgebreitet. Es wird Tee serviert, anders als im Hochland ohne gesalzene Butter (schlirchay). Oft wird nun Essen zubereitet, im überwiegend muslimischen Tadschikistan natürlich von Frauen, die ungefragt Arbeit haben, nachdem mich der Mann angeschleppt hat. Gemeinsam mit den Männern beim Essen zugegen sind die Frauen in der Regel nicht. Fladenbrot (lepioschka) ist obligatorisch, welches der Gastgeber in Stücke reißt und auf der „Tisch“decke verteilt. Sobald die Teeschale geleert ist, wird nachgeschenkt. Sage ich, daß ich keinen Tee mehr möchte, ist das das Signal zum sofortigen Ende des Essens. Mit einem kurzen Gebet wird sich für das Essen bedankt und zusammengeräumt, noch ehe ich aufgekaut habe. Oft heißt es anschließend und unabhängig von der Tageszeit, ich könne doch die Nacht im Haus verbringen und am nächsten Tag weiterfahren. Auch ohne daß ich diese Einladung annehme, kostet ein „Chay budesh?“ schnell zwei Stunden Radfahrzeit und muß daher oft dankend abgelehnt werden.

Neben Piste und Gastfreundschaft fordert die aufwändige Aufnahme von Videosequenzen einige Zeit. Fluß überqueren und Kamera aufbauen, durch den Fluss zurück zum Fahrrad, durch’s Bild fahren. Wenn etwas nicht paßt nochmal und nochmal durch den Fluß. Oder nach gemeisterter Auffahrt die Kamera aufbauen, wieder runter und ein zweites Mal bei laufender Kamera den Berg hochfahren.

Ich erreiche die größere Ortschaft Khorog, wo ich wieder auf den Pamir Highway treffe. Nach drei radfahrfreien Tagen – die erste Pause seit zwei Wochen – geht es auf die finalen ca. 550 Kilometer nach Dushanbe. Wieder gibt es eine Wahl zwischen einem leichten Weg, eine neue Straße, oder dem alten Pamir Highway mit 162 Pistenkilometern und einem Paß, der von mir voraussichtlich einen ganzen Tag Bergauffahrt fordern wird. Letztere soll die landschaftlich schönere Strecke sein, und ich sage mir: „Na gut, dieses eine Mal noch.“

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Der Pamir Highway – Teil 2 – Von Alichur durchs Wakhan Tal nach Khorog

4 Kommentare zu “Der Pamir Highway – Teil 2 – Von Alichur durchs Wakhan Tal nach Khorog

  1. Stefan schreibt:

    Ein Hallo auch von mir! Sehen wir bald die geheimnisvollen Videosequenzen? Die Bilder sind einfach grandios, ich hoffe die bald in Großformat und kommentiert sehen zu können…!! Gerne auch die Langfassung.
    VG
    Stefan

    1. Tom schreibt:

      Mal sehen, was sich bzgl. live kommentiertem Reisebericht auf großer Leinwand machen läßt. Ich bin nicht abgeneigt, ist aber viel Arbeit und nicht kurzfristig umzusetzen.
      Hat denn noch jemand Interesse? ;)

      Auch ein paar Bewegtbilder werden wohl noch etwas auf sich warten lassen. Aber ansonsten war doch der Output der letzten Tage nicht ganz schlecht.

      Danke für das wiederholte Bilderlob. Nehme ich immer sehr gerne an.

  2. Astrid schreibt:

    Oh, ich hätte großes Interesse an einem Reisevortrag! Am liebsten in München. :)
    Wenn es sich einrichten lässt, würde ich aber auch nach Berlin kommen. Ich finde deine Reisen immer sehr inspirierend…

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