Der Pamir Highway – Teil 1 – Von Osh nach Alichur

Der Pamir Highway – „die zweithöchste Straße der Welt“, die „Mutter aller Rumpelpisten“, „etwas vom Besten des man mit dem Velo fahren kann“, heißt es.
Von Osh in Kirgistan geht es 1460 Kilometer (je nach gewählter Strecke auch kürzer möglich) durch’s Pamir-Gebirge nach Dushanbe in Tadschikistan. Lange Zeit hält man sich in Höhen über 4000m auf, der höchste Pass ist 4655m hoch, Wind, extreme UV-Strahlung, Kälte und unter Umständen ein Sandsturm oder Schnee können einem zusetzen. Es gibt übelste Pisten und die Versorgung ist spärlich. Das klingt nach Spannung, Herausforderung, Abenteuer.

In Osh gilt es, Vorräte zu laden – Lebensmittel, tadschikisches Bargeld. Bis zum ersten halbwegs brauchbaren Laden oder einem Bankautomaten in Tadschikistan werde ich einige Tage unterwegs sein. Vier Tage radle ich noch durch Kirgistan bis zur Grenze, ein letztes Mal über saftig grüne Wiesen mit Pferdeherden und Jurten, in die ich wiederholt auf eine Schale Kumys, vergorene Pferdemilch, eingeladen werde.
Hin und wieder überhole ich eine Pferdeherde, teilweise mehrere Tage unterwegs, beispielsweise zum Markt in einer größeren Stadt. „Wollen wir tauschen?“, gibt mir einer der berittenen Hirten per Zeichensprache zu verstehen. Problemlos steige ich auf’s Pferd, welches, praktisch selbstfahrend, weiterhin der Straße folgt. Der Kirgise unterdessen wirft mein Rad um, und erwartungsgemäß gelingt es ihm nicht, auch nur einen Meter voranzukommen. Mir wiederum gelingt es nicht, das Pferd zu lenken und zu meinem Rad zurückzureiten. Ich ziehe an den Zügeln, wie ich danach erfahre der richtige Weg, aber das Tier bockt, und ich traue mich nicht, mit mehr Nachdruck zu zerren. Einvernehmlich einigen wir uns auf den Rücktausch unserer Transportmittel.

Die Straße steigt an mit „kleineren“ Übungspässen. Ein 2400er Pass, ein 3600er Doppelpass, dann geht es vorbei am 7134 Meter hohen Pik Lenin hinauf zur kirgisisch-tadschikischen Grenze auf 4336 Metern über dem Meer. Ich bin mitten im Pamir, den ich, wie auch den angrenzenden Hindukusch in Afghanistan, auf meinem Flug von Bangkok nach Almaty aus der Luft betrachten konnte. Eine zerfaltete, braune Landschaft mit weißen Bergen, ohne erkennbare Straßen, größere Ortschaften oder andere Infrastruktur soweit das Auge reicht. Ein beeindruckender wie wenig radfahrfreundlich anmutender Anblick.
Ein äußerst willkommener Nebeneffekt ist jedoch, daß es beinahe keinen Verkehr gibt. An einem Tag begegnen mir fünf Autos. Bei pfeifendem Wind am linken Straßenrand fahrend erschrecke ich, als mich gegen 13Uhr das erste Fahrzeug des Tages von hinten kommend passiert.

Sechs Tage fahre ich durchschnittlich auf einer Höhe von etwa 4000 Metern. Hier oben ist es trocken und Grasbüsche bilden die einzig sichtbare Vegetation in einer farbigen Sand-, Geröll- und Felslandschaft mit schneebedeckten Berggipfeln im Hintergrund. Die UV-Strahlung ist extrem. Sonnencreme, viel Bekleidung und ein Papier als Nasenschutz kommen zum Einsatz. Auch die einheimischen Schafhirten, die sich ebenfalls den ganzen Tag im Freien aufhalten, sind mit Gesichtsmasken bankräubergleich verhüllt. Trotz extremer Sonne weht oft ein eisiger Wind. Abgesehen davon ist es tagsüber warm. Nachts wird es jedoch kalt. In der höchsten Zeltnacht auf über 4200 Metern gefriert das Wasser.
Da ich die längste Zeit dieser Reise in heißen Regionen unterwegs bin, habe ich an isolierender Ausrüstung nur das nötigste für diesen Streckenabschnitt an Bord und bewege mich an der Komfortgrenze. So nehme ich gerne Gelegenheiten war, in Häusern der Einheimischen zu übernachten, eingeladen oder gegen kleines Entgelt in sogenannten Homestays, wo es neben einem etwas wärmeren Schlafplatz zwei Mahlzeiten gibt.

Hinter dem kleinen Ort Alichur muß ich mich entscheiden, ob ich weiter der Hauptstraße folge oder, bevor ich wieder auf diese treffe, durch’s Wakhan Tal fahre. Ein Umweg von etwa 150 Kilometern, der mich einige Tage über aufreibend schlechte Pisten führen wird. Ich wähle die Route durch’s Wakhan Tal.

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